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Dämmerung - Teil 1 

 

 

Was waren Schranken und was waren Verbote, wenn man sie vor Transzendenz und Schicksal stellte? Marlon war es egal, was man ihm verboten hatte, was man früher für gut und richtig hielt. Mittlerweile, gestand er sich ein, verwarf er sogar achtlos mehr und mehr seiner eigenen, früheren Moral. Mit jeder Seite des Buches, welches er besessen studierte, verriet er alles, was er jemals glaubte zu sein. Ein Mann mit Anstand. Mit Ehre und Pflichtgefühl. Nein, das war er nicht mehr. Er wusste nicht warum, aber es schien, als habe bereits etwas anderes von ihm Besitz ergriffen. Das winterliche, trostlose Treiben dort draußen reflektierte die toten Werte, die er einst so hoch geschätzt hatte. Liebe, Gesetzestreue, Rechtschaffenheit; es waren nichts weiter als Laster. Zumindest sagte dies die Stimme in seinem Kopf. Lange Zeit hatte sie ihm Angst gemacht und schlaflose Nächte bereitet, doch mittlerweile verband er mit den dunklen Silben dieser Stimme eine gewisse Faszination, die die Schranken dieser Welt zu sprengen vermochte. Diese Stimme versprach, seine tiefsten Wünsche und Vorstellungen wahr werden zu lassen. Sie ließ ihn an Gefühlen von Macht und Möglichkeiten riechen und Marlon glaubte ihr nur zu gerne.

Diese Menschen, diese Welt, sie gaben ihm nichts mehr. Wo Träume ausradiert wurden, entstand oft Platz für neue Ansichten. Ansichten, die alles bisherige in Frage stellen sollten. Er hasste sie, diese Welt. Und noch mehr hasste er die Menschen, die auf dieser Welt wandelten und sie befleckten.

Flackernd brannte die letzte Kerze auf dem hölzernen Tisch aus. Marlon grinste in der Dunkelheit. Mit nur minimalstem Aufwand seines Willens machte er seine Augen für die Dunkelheit tauglich. Fürwahr, er schaute jetzt wie einer der Dunklen. Und das Vieh dort draußen wagte tatsächlich zu sagen, dass er kein Auserwählter sei. Marlon schob einen seiner Nägel vorsichtig unter das brüchige Pergament, aus dem die Seiten des Buches gefertigt waren, und blätterte auf die nächste Seite. Seine Augen sogen die Buchstaben und Symbole förmlich auf und die blutrote Tinte schien zu verlaufen und sich in seine Iris zu brennen. Wissbegierig las Marlon Zeile um Zeile, erpicht darauf, seinen unbändigen Hunger nach Wissen zu stillen.

Der eisige Wind des Winters rüttelte an Fenster und Türen. Marlons Nasenflügel weiteten sich, als er eine tiefe Brise des kalten Duftes nahm. Sie löste ein wärmendes Wohlbefinden in seiner Brust aus. Akribisch hatte Marlon jeden seiner Tage festgehalten, jeden seiner Schritte aufgezeichnet. Verwirrt strich sein Zeigefinger über den ledrigen Umschlag seines alten Tagebuches und er spürte die jede einzelne Kerbe der rauhen Oberfläche, wie sie seine Nervenenden berührten. Sogar seit dem Erlebnis im Wald hatte er so viel Wert darauf gelegt. Warum, das konnte er sich schlecht erklären. Es war eine tote Welt, über die er schrieb, ein totes Leben, ein wertloses Leben. Ein Teil in ihm versuchte sich anscheinend immernoch gegen all das zu wehren, gegen die Umstellung, gegen die Veränderung. Dabei wusste er inzwischen ganz genau, dass es kein zurück gab. Er musste akzeptieren, was aus ihm geworden war. Er musste versuchen, die Vorteile des Ganzen zu sehen. Sie waren doch so offensichtlich und vielversprechend.

Marlon fluchte über seine eigene Sturheit, packte das Tagebuch und warf es unachtsam hinter sich, um noch ein wenig in dem Runenbuch zu lesen, was er aus jener Nacht mitgebracht hatte. Aus der Nacht, in der die Stimme zum ersten mal mit ihm geredet hatte. Die Alarmglocken der Stadtwache klangen noch immer in seinen Ohren und der prasselnde Regen schien ihm, bei jedem Erinnern aufs neue, das Haar aufzuweichen. Die Stimme hatte ihm befohlen, den Anweisungen der Soldaten nicht mehr folge zu leisten. Er hatte sich bei dem Angriff nicht versteckt, wie all die anderen Jungen, Alten, Schwachen. Er wollte dabei sein. Er wollte beweisen, wie stark und mutig er war. Er wollte kämpfen wie sein älterer Bruder und wie sein Vater, wie ein richtiger Mann. Wie jung und ungestüm er damals doch war. Die Schlacht vor der Stadt hatte nicht wirklich lange gedauert, doch was danach geschah, kam Marlon wie eine halbe Ewigkeit vor. Die Stimme, sie hatte ihn sicher über eine Bruchstelle in der Mauer aus der Stadt geführt. Sie hatte ihn in den Wald geführt, zu dem alten Weisen.

Es war wohl in etwa das, was das Vieh als Schicksal bezeichnete. Dummköpfe. Auch wenn Marlon wusste, dass es so etwas wie Schicksal nicht gab, in gewisser Weise kam es dem sehr nahe. Es war so etwas wie seine Bestimmung gewesen, diesen alten Weisen und mit ihm das Buch zu finden.

Mit einem Pfeil im Bauch war der Flüchtende genau vor Marlon an einer dicken, knorrigen Baumwurzel zu Boden gesunken. Marlon wusste noch genau, wie der Weise versucht hatte, ihn nicht an das Buch herrankommen zu lassen. Als hätte der Greis sogar ihn warnen wollen. Selbst als das Blut schon aus seinem Mund quoll, hatte er noch versucht, das Buch an seine Brust zu pressen. Erst die Übersetzungen in jenem Buch, hatten Marlon das Wissen über die Sprache beschert, in der der alte Greis damals gestottert hatte. Doch an die genauen Wortlaute des Sterbenden hatte Marlon keinerlei Erinnerungen. Wollte der alte Weise ihn tatsächlich warnen, oder war er so besessen gewesen, dass sogar sein letzter Atemzug dem dunklen Inhalt galt? Marlon wusste es nicht.

Jetzt war er auch weise und ebenso stark. Oder nicht? Manchmal fragte Marlon sich, ob es richtig war, was er hier tat. Er wusste, dass er den Einfluss nicht mehr lange unter Kontrolle halten konnte. Die Dämonen aus seinen Träumen, sie würden ihn einholen und schlussendlich Besitz von ihm ergreifen. Sie würden seinen Körper als Hülle benutzen, um sich in dieser Welt manifestieren zu können. Er würde einer von ihnen werden. Sollte er denn Angst davor haben? War es nicht längst schon zu spät?

Es war so viel Hass in ihm. Dieses Vieh dort draußen, sie hatten ihn zu oft deklassiert, ihm zu oft weh getan. Er bemerkte, wie in ihm scheinbar etwas unaussprechlich mächtiges aufzukochen begann. Er wollte den Dämonen die Pforten zu seiner Seele öffnen. Er wollte der kochenden Wut freien Lauf lassen. Es würde nach außen brechen. Nie mehr würde er über den Wert der Leute nachdenken müssen, über falsch und richtig. War das überhaupt noch nötig? Wer bedeutete ihm denn überhaupt noch etwas?

Sein Vater war ein Kaufmann, der selten im Hause war. So auch in den letzten Monaten. Die Stimme wollte ihm glauben machen, dass er nicht allein sei. Aber in Wirklichkeit war er wohl einsamer als je zuvor. Das verschwieg die Stimme. Mit dem Widerwillen kämpfend, stand Marlon auf und hob das Tagebuch vom alten Holzboden. Einige Seiten waren zerknickt und er strich sie sorgfältig wieder glatt. Da war die Seiten, die Buchstaben, Worte seiner Erinnerung an früher, die den kleinen Widerstand in ihm aufrecht erhalten hatten. Immerzu und scheinbar jetzt noch.

Es war ein so seltsamer Bewusstseinszustand. Da war kein Anzeichen von Kampf zu spüren, aber letztendlich wusste Marlon, dass zwei Seiten in ihm unerbittliche Schlachten ausfochten. Das komische war, dass er nicht wusste, was er wollte. Wie hatte er nur zulassen können, dass das Böse so mächtig in ihm wurde? Wie hatte er nur all die Jahre erdulden können, dass ihn das Vieh ausnutzte? Welche der beiden Fragen sollte er stellen, welche Konsequenz tragen? Marlon agierte nur noch wie ein passiver Beobachter. Längst der Kontrolle entglitten. Er schlug eine Seite des Tagebuchs auf.

"Durch Nächte dunklen Unbegreifens suchte ich nach einem Weg.

Als ein Ende kalten Streifens, der schwarze Blick so sanft vergeht.

Durch Nächte dunklen Unbegreifens, deine Vision, nun vor mir steht, ein Morgen, der singt mit lichternen Stimmen, ein Morgen, der erhellt den Weg."


Die Seite sehnte sich zurück in die Zeit, in der er noch so etwas wie Liebe verspüren konnte. Der andere Teil verwies nur auf den Schmerz. Ja, auch er war einmal verliebt gewesen, doch es hatte geendet wie auch die meisten anderen Liebesgeschichten in dieser grausamen, ungerechten Welt. Dieses Gedicht, so wie viele andere auch, hatte sie niemals gelesen. Er hatte sich niemals wirklich angebracht gefühlt. Niemals hatte er dazugehört. Dieses Leben bestand aus Scherben, bis ihm die schwarzen Zeilen einen neuen Weg gezeigt hatten. Er war jetzt weise und stark. So stark.

 

 

Ein Traum kündigte sich an. Marlon schlief nicht mehr so ein wie früher. In seinem Kopf begann sich alles zu drehen, bis die Sinneseindrücke komplett verwirbelt und unlesbar wurden. Ein zäher Brei aus umliegenden Eindrücken, die sich allesamt vermischten und schließlich verflüchtigten. Dann eine dicke Wand vor der ganzen Welt. Und dann etwas neues, noch viel Realeres als das irdische. Unnahbar und doch fast greifbar. Marlon wusste, das die Stimme ihn zappeln ließ. Sie ließ ihn immer kleine Happen des tiefgründigen Wissens probieren. Doch dadurch wurde sein Hunger nur noch größer. Schließlich tauchte ihn die Müdigkeit doch noch in einen unruhigen Schlaf.

Marlon saß auf einem riesigen Stück Brachland und blickte in die Ferne.Der Boden war zerklüftet und aufgerissen, der Himmel komplett verdunkelt. Ein Meteor jagte über den Horizont. Marlon kannte die Szene.

»Es ist Zeit, mein Sohn«, sprach die Stimme. Sie war klarer und fester als sonst. Plötzlich veränderte der Meteor seine Bahn und raste genau auf ihn zu. Die Erde begann zu rütteln und Unmengen an Staub wurden aufgewirbelt. Etwas in ihm hatte Angst, aber etwas anderes wollte in das Feuer laufen, auf den Meteor zustürmen und ihn mit weit ausgebreiteten Armen empfangen. Ein ohrenbetäubender Knall lies Marlon die Orientierung verlieren.

Nur nebelhaft erlangte er die Sicht zurück und erkannte es vor sich. Es war ein grauenerregendes Geschöpf mit ledriger Haut. Eine brennende Aura umgab es. Der Gestank nach Verwesung war unerträglich. Marlon musste würgen. Das Geschöpf schien direkt der Hölle entsprungen zu sein.

»Es ist Zeit, dass du zu uns kommst, Warlock!« Die Stimme des Wesens war spitz und schneidend, und obwohl es nur zu flüstern schien, klangen die Worte ohrenbetäubend laut

»Zu euch?«, fragte Marlon verwirrt, nicht sicher, ob das Wesen verstanden hatte. Die von der Bestie ausgehende Hitze schnürte ihm die Kehle zu und verbrannte seine Haut. Seine Augen schmerzten vom hinschauen.

»Zur Legion«

Die Szenerie löste sich urplötzlich auf und machte Platz für kurze Realitätsfetzen. Das Gedicht aus dem Tagebuch wiederholte sich wieder und wieder. Es hämmerte auf Marlons schwindenden Geist ein, bis es irgendwann bedeutungslos erschien. Er sah Menschen aus seiner Vergangenheit, Menschen aus seiner Gegenwart, und Menschen die er nicht kannte. Waren sie aus der Zukunft? Würde er sie jemals treffen, oder konnte er sich nur nicht an sie erinnern?! Die Eindrücke zeigten Marlon sein gescheitertes Leben auf und heizten die Wut in ihm an. Er hasste die Schwäche in sich und die Schwäche des Viehs dort draußen. Er hasste sich. Er hasste sein Tagebuch. Er hasste seine Gefühle. Er hasste das alte Gedicht.

Nichts von alledem hatte ihn zu etwas geführt. Es war wertlos. Sein innerer Dialog wandelte sich zu einer tiefen und festen Stimme. Der Teil, der ihn selbst einst ausgemacht hatte, wurde zu einem passiven Beobachter und die Dämonen begannen sich einen Weg durch die Fasern seiner Seele zu bahnen.

Vom Schrecken erfüllt wachte Marlon auf. Doch sein hastiges Hochfahren wurde unterbrochen. Die Kontrolle war nicht mehr bei ihm selbst. Er spürte den Hass rasend schnell in sich aufkochen. Hass und eine nicht mehr zu zügelnde Macht. Mit einem Satz war er auf den Füßen und griff nach dem schwarzen Zauberbuch. Mit einer wedelnden Handbewegung brachte er die Seiten dazu, sich selbst wie von Geisterhand auf die gewünschte Seite umzublättern. Marlon verstand auf einmal spielend die kompliziertesten Runen des Buches, die er bisher vergebens versucht hatte zu entschlüsseln.

Er warf den Kopf in den Nacken und begann schallend zu lachen. Es hatte begonnen.




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